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Porträt Jenny De la Torre Castro

Jenny De la Torre
Jenny De la Torre

Kurzvita

Helfen, heilen und pflegen, jenen zur Seite stehen und ihre Schmerzen lindern, die es am nötigsten brauchen - das wollte Jenny de la Torre Castro, so lange sie denken kann. Als Kind schon wurde sie mit Armut und sozialer Ungleichheit konfrontiert. In ihrem Heimatort Puquio in Peru gab es zu wenig Ärzte, um all das Leid und die vielen Krankheiten zu lindern.

Deshalb wollte sie Ärztin werden. Fern ihrer peruanischen Heimat studierte sie in den achtziger Jahren in Deutschland Medizin mit dem festen Willen, zurückzukehren, um den Ärmsten der Armen in ihrem Land zu helfen.

Es kommt anders. Jenny de la Torre bleibt mit ihrem Sohn in Berlin. Und sie sucht sich hier einen Weg, ihre Vorstellungen vom Arztsein umzusetzen. 1989 beginnt sie ihre Facharztausbildung als Kinderchirurgin an der Berliner Charité der Humboldt-Universität, heute Campus Virchow-Klinikum. Nach erfolgreicher Promotion arbeitet sie an verschiedenen Kliniken in Deutschland und Österreich. Außerdem widmet sie sich einem medizinischen Projekt für schwangere Mütter in Not.

Sie ist eine erfolgreiche Ärztin und kann vielen Patienten helfen, aber das reicht ihr nicht. Der Medizinbetrieb ist unbarmherzig. Von Fachärzten wie ihr wird verlangt, Patienten nach höchstem medizinischem Wissensstand zu behandeln, möglichst ohne Fehlerquote und vor allem schnell. Für Gespräche und Kontakte bleibt da kaum Zeit. Jedes Wort außerhalb der medizinischen Indikation ist zu viel. Es warten ja schließlich viele andere Kranke auf ihre Behandlung. Jenny de la Torre möchte aber mehr. Sie will nicht nur perfekt operieren. Sie will auch selbst sehen, wie ihr Patient sich erholt. Fragen, ob er alles gut überstanden hat und für ihn eine Vertrauensperson sein. Sie weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie bald die Möglichkeit hat, diese Vorstellungen vom Arztsein umzusetzen.

1994 beginnt die Medizinerin auf dem Berliner Ostbahnhof, obdachlose Menschen zu behandeln. Sie untersucht täglich etwa 25 Patienten, versorgt mit einfachen Mitteln Wunden, Verletzungen und Geschwüre, lindert Schmerzen und verteilt notwendige Medikamente. Neben Hautkrankheiten wie der so genannten „Schleppe“, die fast jeder irgendwann bekommt, der auf der Straße lebt, sind es vor allem Parasiten und Lungenerkrankungen, die Obdachlose quälen. Der Einsatz verlangt von ihr starke Nerven und viel Fingerspitzengefühl. Vor allem im Umgang mit alkohol- und suchtkranken Menschen, der Jenny de la Torre Castro zunächst nicht leicht fiel. Aber schließlich sagte sie sich: Man muss die Menschen annehmen, wie sie sind. Sie haben sich dieses Leben schließlich nicht ausgesucht. Jedem Patienten, der in ihre Praxis kommt, hört sie geduldig zu, nimmt sich Zeit und schafft so Vertrauen. Das brauchen Obdachlose ganz besonders, weiß die Ärztin aus Erfahrung, denn sie sind „sozial krank“.

Die engagierte Medizinerin kämpft gegen bürokratische Hürden. "Eine Gesellschaft, die so reich ist, wie die deutsche, muss es sich einfach leisten, sich um die Ärmsten zu kümmern - alles andere ist beschämend."

Ihre Beharrlichkeit und Zuverlässigkeit haben Erfolg. Die obdachlosen Patienten akzeptieren "ihre" Frau Doktor. Viele kommen mittlerweile regelmäßig zu ihr. Doch am glücklichsten ist sie, wenn ein Patient nach langer Zeit zu ihr kommt – auf Besuch, weil er von der Straße weg ist und wieder ein selbständiges Leben führt. Denn wirklich geheilt werden kann ein Obdachloser nur durch die Gesellschaft, wenn sie ihm neue Perspektiven, einen Ausweg aus dem Elend bietet.

Innerhalb der Ärzteschaft erfährt der Einsatz der Kollegin mehr und mehr Anerkennung. Fachärzte bieten ihre Hilfe an und behandeln wohnungslose Patienten in ihrem Spezialgebiet weiter. Europaweit wird das auf der ganzen Welt einmalige Projekt einer Obdachlosenpraxis zunehmend ernst genommen. Junge Medizinstudenten und Auszubildende in medizinischen Berufen besuchen die Einrichtung, um von den hier gesammelten Erfahrungen zu lernen.
Jenny de la Torre Castro gibt gern ihr Wissen weiter, hält Vorträge an Universitäten, Bildungseinrichtungen und auf Benefizveranstaltungen. Sie sammelt Spenden, um die Ausstattung der Praxis zu verbessern. 1997 erhält die Ärztin für ihre außergewöhnlichen Leistungen das Bundesverdienstkreuz aus den Händen des Bundespräsidenten Roman Herzog.

Im Dezember 2003 feierte die „Jenny De la Torre-Stiftung“ in Berlin ihren ersten Geburtstag. Sie war vor einem Jahr mit dem Ziel gegründet worden, die medizinische Hilfe und Betreuung für obdachlose Menschen in Berlin langfristig abzusichern.

Nach diesen Erfolgen trifft es sie besonders hart, als ihr Arbeitgeber, die MUT – Gesellschaft für Gesundheit mbh, Tochterunternehmen der Berliner Ärztekammer, ab Oktober 2003 ihre Vollzeitstelle von 40 auf 25 Wochenstunden reduziert. Jenny de la Torre Castro kann das nicht akzeptieren. Sie beendet im Interesse ihrer Patienten ihr Arbeitsverhältnis mit der MUT. „Ich habe das Projekt aufgebaut und stehe nicht zur Verfügung, wenn es nun zusammengekürzt wird.“ Für ihre Patienten ist dieser Schritt zwar nachvollziehbar, aber ein schwerer Verlust. Jenny de la Torre blickt trotzdem voller Zuversicht in die Zukunft. Für sie ist das nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Projekts.

Porträt der Botschafterin für das Verbundnetz der Wärme Jenny De la Torre Castro, entnommen der Website www.verbundnetz-der-waerme.de, überarbeitet und ergänzt im Februar 2004.

 


Die URL des Orginalartikels lautet: http://www.delatorre-stiftung.de/delatorre-stiftung.php/cat/19/title/Jenny_De_la_Torre
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