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Eine warme Jacke als Therapie

Berliner Morgenpost vom 1. März 2003

Ehrensache - Berliner, die helfen

Mit sieben Jahren beschließt Jenny De la Torre Ärztin zu werden. Es ist nicht der übliche Kinderwunsch aus dem Spiel mit Puppen heraus, sondern für das kleine Mädchen ein Versprechen, das sie sich selbst gibt. In den Anden ihrer peruanischen Heimat sind Ärzte rar. Als ihre Mutter lebensgefährlich erkrankte und endlich ein Mediziner die geliebte Mama betreute, stürzte ein kleiner Junge herein und versuchte den Doktor von der Kranken weg zu ziehen. Sein Vater brauchte ebenfalls dringend einen Arzt. "Ich weinte, weil ich wollte, dass er bei meiner Mami bleibt", erinnert sich Jenny De la Torre "und er heulte, weil er Angst um seinen Vater hatte." Das hat sich so tief in die Kinderseele eingegraben, dass sie ihren Studienwunsch nie aus den Augen verlor. "Ich wollte als Ärztin in einer Klinik mein Brot verdienen und in der Freizeit den Ärmsten der Armen unseres Landes helfen", sagt sie. Nicht in Peru, sondern in Deutschland hat sie ihr Versprechen gehalten. Jenny De la Torre ist Ärztin für Obdachlose. "Eine Gesellschaft, die so reich ist wie die deutsche, muss es sich einfach leisten, sich um die Ärmsten zu kümmern", ist die Maxime ihres Handelns. Seit 1994 kommen zu "ihrer Frau Doktor" 20 bis 30 Patienten am Tag, der jüngste war zwölf, der älteste 84 Jahre. 4500 Menschen hat sie in den vergangenen acht Jahren kostenlos behandelt. In ihrer Praxis am Stralauer Platz versorgt sie Wunden, behandelt Geschwüre, lindert Schmerzen und hilft bei typischen Erkrankungen wie Krätze. Und sie nimmt sich Zeit, kann zuhören. Das schafft Vertrauen, und viele ihrer Patienten kommen inzwischen regelmäßig. Zitternd vor Kälte, in Sandalen und einer Sommerjacke, betritt ein Mann das Sprechzimmer. "Seine soziale Krankheit bedarf einer sozialen Antwort", meint Schwester Kerstin und geht mit dem Mann in die Kleiderkammer. "Manchmal sind eben schon ein Paar feste Schuhe oder eine warme Jacke eine Therapie", setzt die Ärztin hinzu und bittet den Nächsten herein. Sie bekennt, dass es für sie oft schwer zu akzeptieren ist, dass sie nicht so schnell helfen kann, wie sie möchte und könnte. "Oft kommen Ungewissheit und Hilflosigkeit auf, ob der Patient wiederkommt, ob er es schafft, den vorgeschlagenen Weg zu gehen. . .", meint sie. Um so mehr sind es für sie die schönsten beruflichen Momente, wenn einer hereinspaziert, und zwar rasiert, neu eingekleidet, um mitzuteilen, dass er wieder eine Wohnung, einen Job hat. Und privat? "Mein Sohn macht mir viel Freude", strahlt die 46-Jährige. In die Fußstapfen der Mutter wird er wohl nicht treten, Mathematik, Physik und Computer haben es dem 17-jährigen Gymnasiasten mehr angetan. Mit der Stiftung Jenny De la Torre möchte sie die Existenz der Obdachlosenpraxis am Ostbahnhof dauerhaft sichern. 25 000 Euro Startkapital steuerte sie bereits aus ihrem Privatvermögen bei. Es ist das Preisgeld für den Medienpreis "Die Goldene Henne" für Charity, der ihr im vergangenen Jahr verliehen worden ist.



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