ZDF 37Grad, Menschen hautnah vom 13. August 2003
Autor Peter Schmidt über seinen Film "Nur nich′ nach Hause "
Sechs Monate suchte ich nach obdachlosen Jugendlichen. Ich hörte mir viele Geschichten an. Berichte von Misshandlung, Missbrauch, kaputte Seelen, Hass, wenig Liebe, keine Zuversicht. Offiziell gibt es sie nicht. Die Sozialarbeiter waren anfangs hilfreich. Sehr schnell hörte ich von Vorbehalten, von Ängsten, man wolle die Kinder und Jugendlichen für Fernsehinteressen nicht verkaufen.
Ja, unsere Unterstützung akzeptiere man, auch weil an allen Ecken und Enden gespart wird. Aber die Betroffenen zeigen - nein. Der typische Schutzmantel der lieben Sozialarbeiter, so wie ich ihn kenne. Sie führen sich auf wie autoritäre Eltern, entmündigen ihre Schützlinge. Ob die obdachlosen Jugendlichen bei ihnen immer gut untergebracht sind? Die Frage stellte ich mir oft. Aber ich lernte auch andere Sozialarbeiter kennen. Menschen, die kämpfen für die Kinder, gegen die Mühlen der Ämter, den Unverstand. Dr. Jenny de la Torre kümmert sich auch um Straßenkids In so genannten Entwicklungsländern traf ich schon auf viele hundert obdachlose Jugendliche. Aber doch nicht in Deutschland, im Herzen des europäischen Wirtschaftswohlstandes, meinten viele Freunde erstaunt. Es gibt sie. Zu Hunderten in jeder deutschen Stadt. Vor den Bahnhöfen, auf den Plätzen, in U-Bahnhöfen. Bei uns sind es andere Gründe als in den Entwicklungsländern. Sie sind bekannt. Dass Kinder zuhause rausgeschmissen werden, unvorstellbar. Die Jugendämter kennen die Geschichten. Neue Ehepartner entledigen sich der "Altlasten", leibliche Mütter und Väter zeigen keine Skrupel, schmeißen ihre Kinder auf die Straße. Ärztin kämpft für Straßenkinder
Eine neue Dimension der sozialen Verelendung. 14-, 15-Jährige, die von der eigenen Mutter mit dem Messer aus der Wohnung gejagt werden. Ich habe sie getroffen, die Eltern, die Kinder, die Geschwister. Es öffnete sich eine neue Welt. Aber ich traf auch die, die für diese Kinder kämpfen: Dr. Jenny de la Torre, eine Obdachlosenärztin aus Berlin. Seit Jahren weist sie auf die schwierige Existenz der jugendlichen Obdachlosen hin. Fünf Prozent ihrer Patienten sind unter 18. Prominente Politiker laden sie zu sich ein, hören sich die Probleme an. Für Hilfe und Unterstützung musste sie aber viele Jahre hart kämpfen. Aufgeben kommt für die engagierte Ärztin nicht in Frage. Gedächtniskirche in Berlin - Ein Treffpunkt für Straßenkinder Mitarbeiter von Sozialprojekten in Hamburg sind auch verzweifelt. Sie müssen zuschauen, wie obdachlose Kinder am Hamburger Bahnhof anschaffen gehen. Von irgendjemandem missbraucht. Mehr als eine warme Mahlzeit, eine Dusche, ein beratendes Gespräch gelingt ihnen oft nicht. Es ist Blasphemie, wenn die Politik das Problem dann negiert. Was nicht sein darf, existiert nicht.
Suche nach Liebe und Geborgenheit
Ich habe noch mehr gelernt. All diese Kinder haben eine Geschichte, es lohnt sich ihnen zuzuhören. Sie suchen Liebe, Geborgenheit und erfahren Distanz, Unverständnis. Für viele ein Grund zu provozieren, kriminell zu werden, abzurutschen. Vor einigen Jahren musste ich nach Dreharbeiten erleben, dass sich ein 18-jähriger obdachloser Junge vor die Gleise der Hamburger S-Bahn stürzte. Björn hatte keinen Mut mehr. Sein Schicksal wurde kaum wahr genommen. Hinter dem Lächeln steckt auch Verzweiflung Saschas Pflegeeltern kämpfen. Sie versuchen zu verstehen, was in der Seele ihres Sohnes vorgeht. Er soll runter von der Straße. Sie sind hilflos. All die Jahre hielten sie sich an die Ratschläge von Psychologen und Psychiatern. Saschas Schicksal ein Beleg für die Ohnmacht der Wissenschaft? Sascha sagt: "Ich brauche keine Menschen, die mir in die Seele gucken und mir Geschichten von gestern erzählen, die sie nichts angehen. Ich brauche jetzt Hilfe. Praktisch. Ich bin nicht dumm, aber Ihr alle macht mich so mutlos. Warum versteht das niemand?" von Peter Schmidt
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